Leseprobe: Erinnerungen

15. November 2011 by: Manfred R.

Alles, was ich fühlte war, dass ich recht unangenehm und hart saß. Der grosse Stuhl unter meinem Körper, war hart und ungemütlich. Solides Holz und völlig ungepolstert.Meine Hände lagen seitlich auf den Armstützen, der Oberkörper war aufgerichtet und gerade. Der Kopf regte sich nicht, die Augen starr auf einen nicht definierten Punkt irgendwo an der Wand gegenüber gerichtet.

Ich hatte Angst. Grosse Angst. Aber darüber wollte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Da gab es einiges in meinem Inneren, das nach Klärung verlangte.

Zu behaupten, meine Kindheit wäre hart und voller Entbehrungen gewesen, wäre eine Lüge. Ich wuchs im Schoße einer fürsorglichen Familie auf, war der erwünschte Erstgeborene meiner wohlhabenden Eltern. Man verwöhnte mich nicht über Gebühr, aber man achtete darauf, dass für mein Wohl in seelischer und körperlicher Hinsicht stets gesorgt war.

Mein Vater war Anwalt. Tough und konsequent im Beruf, aber herzlich und gutmütig seiner Familie gegenüber. Ich war es gewohnt, seinen weisen und verständnisvollen Hafen anzulaufen, wenn mir irgendwo der Schuh drückte.
Oft habe ich von Freunden oder entfernten Bekannten gehört, dass sich deren Väter allerhöchstens auf einen Tratsch das letzte Fussballspiel betreffend einliessen, sich ansonsten aber nicht für die Anliegen und Sorgen ihrer Sprösslinge erwärmen konnten. Mein Vater – und ich behaupte das mit einer gewissen Portion an Stolz – hatte aber für all meine Vorbringungen ein offenes Ohr. Er liebte mich. Er liebte die Malerei. Und allem voran liebte er meine Mutter.

Sie war eine Seele von Mensch. Verband mich mit meinem Vater eine tiefe Freundschaft, so bildete sich zwischen mir und meiner Mutter über die Jahre hinweg eine wahre Symbiose. Auch auf die Gefahr hin, dass es übelst pathetisch klingen mag, aber meine Mutter und ich waren eins. Egal, was mir auf dem Herzen lag, Probleme in der Schule, Liebeskummer, Geldsorgen – meine Mutter wusste, was mich bewegte, ohne dass ich ihr dies jemals explizit mitteilen musste.

Ebenso wenig wie meine familiäre Situation, war meine schulische Laufbahn zerrüttet. Ja, ich war ein fauler Schüler, meine Gedanken schweiften stets mehr um das weibliche Geschlecht und die bildenden Künste, als um Naturwissenschaften oder humanistische Bildung. Dennoch gelang es mir, das Gymnasium mit einer positiven Reifeprüfung abzuschliessen.

Es wären nicht meine Eltern gewesen, hätten sie mich anschliessend in ein Studium ihrer Wahl gezwängt. Seit frühester Kindheit teilte ich die Leidenschaft meines Vaters für die Malerei. Während meiner Zeit in der gymnasialen Oberstufe bereitete es mir grosses Vergnügen, meine Klassenkameraden mit treffenden Karikaturen unserer Lehrerschaft zu unterhalten. Zudem zeichnete ich für die Illustration der klassenübergreifenden Schülerzeitung verantwortlich und nicht zuletzt handelte es sich bei der bildnerischen Erziehung um das einzige Unterrichtsfach, in dem ich über meine gesamte Schulzeit hinweg ausschliesslich Bestnoten einfuhr.

Ich entschloss mich dazu, mir nach der Matura (und auf Kosten meines reichen Vaters selbstverständlich) ein Atelier im Keller meines Elternhauses einzurichten und mich als freiberuflicher Maler zu verdingen. Wie nicht anders zu erwarten, erfuhr ich in diesem Bestreben die grösste Unterstützung meiner Eltern.

Ich glaube, es hätte Großes aus mir werden können. In den einsamen Stunden, die ich in den vergangenen Monaten ausgiebig durchleben durfte, zeichnete sich oft vor meinem geistigen Auge das Bild eines gefragten und begehrten Künstlers, der sein Schaffen in den renommiertesten Häusern präsentieren durfte. Ich bin ernsthaft der Meinung, dass ich über mehr als ausreichend Talent verfügt hätte, mich aus dem chaotischen Allerlei von unzählig vielen aufstrebenden wirklichen aber auch möchtegern-Künstlern abzuheben und auch über die geistige Klarheit und das kaufmännische Talent, mich darüber hinaus im Segment des kommerziellen Malens zu etablieren.

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Dieser Text ist Teil meiner ersten Kurzgeschichtenkompilation. Die gesamte Geschichte ist in diesem Werk erhalten, das auf XinXii käufliche erwerbbar ist. Ein Link zu meinem Shop finden Sie hier.

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